Da gibt es also tatsächlich Leute, die bei Facebook Seiten für Harry Potter-Charaktere erstellen und dort Status-Updates veröffentlichen, als würde es diese Charaktere wirklich geben. Aus Fleisch und Blut. Irgendwo am anderen Ende der Welt am Rechner sitzend und, so wie ich gerade, Teile ihres Lebens der Allgemeinheit zugänglich machend. Die Vorstellung, die sich mir dabei aufdrängt, ist zugleich befremdend und doch auf eine geheimnisvolle Weise faszinierend...Begleiten wir Luna auf ihren Reisen nach Schweden auf der Suche nach geheimnisvollen Wesen, verfolgen wir Harrys, Rons und Hermines Aurorenausbildung (letzte Woche waren die Abschlussprüfungen!), beneiden wir alle Zauberer, die der Party in Fred und Georges Laden in der Winkelgasse heute Nacht beiwohnen können - die Möglichkeiten nehmen kein Ende.
Vollkommen irrelevant, ob es sich bei der ganzen Sache um einen PR-Gag oder eine von Fans initiierte Aktion handelt - ich sauge jeden Schnipsel dieser vermeintlich existierenden Parallelwelt auf und wünsche mir mit jedem Wort nichts sehnlicher, als ein Teil davon sein zu können. Und dieser Wunsch verfolgt mich bereits mein halbes Leben.
Ich weiß noch, wie mir damals empfohlen wurde, doch mal Harry Potter zu lesen, die Bücher seien wirklich gut. Kurz nach Erscheinen des vierten Bandes war das, also vor elf Jahren. Wer hätte gedacht, was diese Buchempfehlung lostreten würde! Ich erinnere mich an eine Sendung des Tigerentenclubs, in der von der Enthüllung des Hauptdarstellers für die Filme geredet wurde. Zwei Mädchen vom Harry-Potter-Fanclub waren da, Vierzehn- oder Fünfzehn-Jährige mit Zauberermänteln und Hexenhüten. Sie waren nicht einverstanden mit der Wahl, dieser Daniel Radcliffe hätte ja nicht einmal grüne Augen und die Haare seien auch nicht schwarz. Damals war ich neun.
In den folgenden Jahren war das Universum um den kleinen, schmächtigen Jungen mein ständiger Begleiter. Ich las alle Bücher unzählige Male, sah die Filme wieder und wieder, spielte die Computerspiele - und das ist nur der Teil der Geschichte, der sich auf den kommerziellen Part bezieht. Unerwähnt bisher: die endlosen Stunden, die ich am PC verbrachte und selbst eine Html-basierte Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei zu entwickeln versuchte. Die vielen Tage, die ich mit meiner damals wohl besten Freundin Isi damit verbrachte, Unterrichtsstunden nachzuspielen und eigene Geschichten in dieser unerschöpflichen Welt der Geheimnisse entwickelte. Wir schafften es sogar, bei einem besonders dramatischen magischen Duell mein Bett kaputt zu machen. Aber als strebsame Hogwartsschülerinnen, die wir waren, wussten wir auch dort sofort magische Abhilfe. Und, nicht zu vergessen, die Infoeule. Unsere ureigens entwickelte Schülerzeitung mit dem neuesten, selbst ersponnenen Klatsch und Tratsch aus Hogwarts - für ein paar Cent an Freunde in der Schule verkauft.
Dann schließlich kam meine Begeisterung für Fanfictions auf, angefacht durch ein Gespräch mit einer meiner heute besten Freundinnen. Wie viele hundert Geschichten mag ich allein über Harry Potter gelesen haben, in diesen vielen Jahren, die seither vergingen? Wie sehr meine eigene Kreativität durch J.K. Rowling beflügelt wurde, zeigen die vielen, nur wenige Seiten umfassenden Textdateien auf meiner Festplatte - Anfänge von Geschichten, nie vollendet und kurz nach ihrer Entstehung bereits von neuen Ideen ersetzt.
Und dann ist da noch das Rollenspiel in der Gymnasialzeit. James, Remus, Sirius, Lily und der neu geschaffene Charakter Ela - auch sie haben sich ziemlich standhaft in mein Leben und meine Entwicklung integriert.
Doch seitdem ist viel passiert.
Aus dem kleinen, achtjährigen Mädchen, das gerade die Lektüre des ersten Harry-Potter-Bandes beendet hatte und sich überlegte, dass es noch ein paar Jahre Zeit hatte, bis die Post aus Hogwarts kommen würde, ist eine beinahe erwachsene junge Frau geworden, die bedauert, dass eben jener Brief niemals kam.
Aber zurückblickend denke ich, war das auch gar nicht nötig, denn in meiner Fantasie war ich immer Teil dieser unerreichbaren Welt, immer Schülerin dieser Schule mit den sprechenden Portraits und eigenwilligen Treppen und kommunikativen Geistern.
Meine Harry-Potter-Kiste mit meinen alten Heftern und Notizen steht nun im Zimmer meiner Schwester, aber vergessen ist trotzdem nichts davon. Und das wird auch nicht geschehen, denn diesen Teil meiner Kindheit und Jugend hinter mir zu lassen wäre, als würde ich meine Erziehung vergessen.
Und so lese und träume ich von der Party bei Fred und George heute Nacht und belächle Nevilles verzweifelte Feststellung, er müsse kochen lernen, während ich ungeduldig auf die Freischaltungs-E-Mail von Pottermore warte.
Der Hype lebt weiter - und ich liebe es.

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