Doch du willst endlich wieder sprechen, endlich nicht mehr schweigen
und willst, kann es auch leicht zerbrechen, endlich Rückgrat zeigen.
(ASP - Wer sonst?)
Es
gibt so einige Menschen auf dieser Welt, die ich wirklich beneide. Nicht, weil
sie schöner, reicher, intelligenter, berühmter oder sonst irgendetwas sind,
sondern weil sie über die (leider gar nicht so seltene) Gabe verfügen,
vollkommen frei von Selbstreflexion zu sein.
Wie
einfach muss das Leben sein, wenn man nicht gezwungen ist, seine eigenen Taten
kritisch zu hinterfragen und sich selbst bitter eingestehen zu müssen, dass man
wohl in der einen oder anderen Situation Unrecht hatte? Wie leicht muss es
sein, wenn man nicht vor der Aufgabe steht, dies vor jenen Menschen, die man
unrecht behandelt hat, einzugestehen? Wenn man niemals in die Situation kommt,
sagen zu müssen: „Ja, also eigentlich war ich diejenige, die in der Situation
falsch gehandelt hat“?
Und
ich beneide jene Menschen, die hin und wieder doch mal kleinere Lichtblicke
haben – mögen diese auch teils durch Außenstehende erzwungen sein – und es dann
aber doch mit ihrem Gewissen vereinbart bekommen, keinerlei Reaktion auf ihre
Erkenntnisse folgen zu lassen.
Ich
beneide all diese Menschen, weil ich selbst so nicht bin.
Ich
bin bei Weitem kein perfekter Mensch, und ich bin auch niemand, der voller
Selbstmitleid darüber sinniert, was für ein schlechter Mensch er ist. Vielmehr
hinterfrage ich regelmäßig, was ich tue und was ich nicht tue, und versuche zu
verstehen, warum ich es tue – oder eben auch nicht. Das ist ein so
gewohnheitsmäßiger Prozess geworden, dass es schon fast automatisch abläuft, und
auch, wenn es in gewissen Situationen immer bitter ist, sich einzugestehen,
dass eine gewisse Handlung unangemessen war, so ist es doch nötig, um ein
halbwegs realistisches Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten. Die
Überschrift dieses kleinen Texts ist diesbezüglich sehr deutlich, wirft aber
auch die Frage auf, worum es sich bei diesem sagenumwobenen und nahezu
inflationär gebrauchten Wörtchen ‚Rückgrat‘ eigentlich handelt. Also, um mir
selbst diesbezüglich ein bisschen Klarheit zu verschaffen und zu sehen, was
unter diesem so bildlich gebrauchten Begriff verborgen liegt, habe ich eine
kleine, oberflächliche Recherche betrieben.
Da
der moderne Mensch von heute ja als Erstes auf Wikipedia zugreift und dies
allgemein als keine verlässliche Quelle angesehen wird, habe ich dies mal auf
Schritt Nummer Zwei verschoben und zunächst mein Bertelsmann-„Die neue deutsche
Rechtschreibung“-Büchlein aufgeschlagen. Dort findet sich unter dem Begriff Rück|grat Folgendes: „Wirbelsäule; kein R. haben übertr.: nicht
standhaft sein, einen schwachen Charakter haben;“1.
Oha.
Einen schwachen Charakter haben. Also fragen wir nun einmal doch Wikipedia und
finden heraus: ‚Rückgrat‘ bezeichnet in der figurativen, also von uns gesuchten
Bedeutung, „im übertragenen Sinn Standhaftigkeit, eine Stütze oder Stärkung“2.
Na, wenn das mal nicht ein schlechtes Zeugnis für einen Jeden ist, der als
„rückgratlos“ beschimpft wird. Schauen wir einmal im Online-Synonymwörterbuch
nach: unter ‚Rückgrat‘ sind dort Begriffe wie „Willensmensch“ und „Festigkeit“
zu finden, „ganzer Kerl“ taucht auf, und besonders häufig ist die Rede von
„Charakter“3. Nun denken Sie,
mein lieber Leser, sicherlich, dass das ja alles schön und gut ist, aber was
hat das damit zu tun, dass manche Menschen so etwas Alltägliches wie Kritische
Selbstreflexion einfach nicht bestreiten? Die Antwort darauf ergibt sich über
den Zwischenschritt. Wer kritisch seine eigenen Handlungen reflektiert, sich
wirklich fragt, was hätte ich besser
machen können?, der ist dazu gezwungen, einzugestehen, dass man selbst
nicht immer so handelt, wie man es sollte – ja, dass man hin und wieder
geradezu dazu neigt, das Gegenteil von dem zu tun, was nett, angemessen und der
zwischenmenschlichen Situation förderlich ist. So etwas einzugestehen,
hinterlässt immer einen sauren Geschmack auf der Zunge, und noch
unappetitlicher ist der Apfel, in den man beißen muss, wenn man sich dann auch
noch vor einen anderen Menschen stellt und sagt: „Hör zu, ich habe das und das
falsch gemacht, das sehe ich ein – und es tut mir leid.“ So etwas macht keiner
gern, das ist ganz normal. Aber es gehört eben einfach dazu, zumindest für
Menschen mit Charakter, Menschen mit Rückgrat eben.
Was
ist nun jedoch mit Menschen, bei denen es schon bei der Selbstreflexion
scheitert? Menschen, die sich niemals vor einen anderen stellen und sagen
würden, es täte ihnen leid, weil sie eben einfach nicht einsehen, dass sie
etwas falsch gemacht haben?
Für
solche Personen habe ich inzwischen nur noch ein einziges Wort übrig: Schade.
Ich
hatte in den letzten Monaten immer wieder das Glück, mit Leuten
aufeinanderzutreffen, die auch in Konfliktsituationen niemals die eigene
Fehlbarkeit aus den Augen verlieren, und das sind solche, deren Gesellschaft
ich besonders genieße, aus naheliegenden Gründen. Allen anderen, die nicht in
der Lage sind, Fehltritte vor sich selbst und anderen einzugestehen, kann ich
inzwischen kein ernsthaftes Interesse mehr entgegen bringen.
Selbstgerechtigkeit (noch so eines dieser Worte, über die man eine ganze
Hausarbeit füllen könnte) ist in unserer Welt einfach viel zu verbreitet, und
auch, wenn es vielleicht ebenso selbstgerecht ist, mich für selbstkritischer und
effektiver reflektierend als manch andere zu halten, so ist es doch meine
Ansicht, dass es keinen Sinn hat, sich auf Konfliktsituationen einzulassen, in
denen mit aus dem Ärmel geschüttelten Vorwürfen um sich geschossen wird, sodass
man das Gefühl erhält, eine kugelsichere Weste zu benötigen – ohne, dass dabei
auch nur ein Gedanke daran vergeudet wurde, was Betreffende selbst zum
diskutierten Problem beigetragen haben könnten.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass auch, wenn das Artwork der Band „ASP“ etwas anderes vermuten lässt, Rückgrat zu zeigen niemals leicht ist, aber genau das macht es in meinen Augen so erstrebenswert. Es ist niemals zu spät, an sich selbst zu arbeiten. Und es ist auch niemals zu spät, genau das zu verstehen. Denn, wie wir alle wissen: Einsicht ist stets der erste Schritt zur Besserung.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass auch, wenn das Artwork der Band „ASP“ etwas anderes vermuten lässt, Rückgrat zu zeigen niemals leicht ist, aber genau das macht es in meinen Augen so erstrebenswert. Es ist niemals zu spät, an sich selbst zu arbeiten. Und es ist auch niemals zu spät, genau das zu verstehen. Denn, wie wir alle wissen: Einsicht ist stets der erste Schritt zur Besserung.
1
Hermann, Ursula, und Heller, Klaus (bearb.): Die neue deutsche Rechtschreibung. Bertelsmann. München: 1996.


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