Mittwoch, 20. Juni 2012

Posted by CW Posted on 11:10 | No comments

Die Sache mit dem Rückgrat

Doch du willst endlich wieder sprechen, endlich nicht mehr schweigen
und willst, kann es auch leicht zerbrechen, endlich Rückgrat zeigen.
(ASP - Wer sonst?)



Es gibt so einige Menschen auf dieser Welt, die ich wirklich beneide. Nicht, weil sie schöner, reicher, intelligenter, berühmter oder sonst irgendetwas sind, sondern weil sie über die (leider gar nicht so seltene) Gabe verfügen, vollkommen frei von Selbstreflexion zu sein.

Wie einfach muss das Leben sein, wenn man nicht gezwungen ist, seine eigenen Taten kritisch zu hinterfragen und sich selbst bitter eingestehen zu müssen, dass man wohl in der einen oder anderen Situation Unrecht hatte? Wie leicht muss es sein, wenn man nicht vor der Aufgabe steht, dies vor jenen Menschen, die man unrecht behandelt hat, einzugestehen? Wenn man niemals in die Situation kommt, sagen zu müssen: „Ja, also eigentlich war ich diejenige, die in der Situation falsch gehandelt hat“?

Und ich beneide jene Menschen, die hin und wieder doch mal kleinere Lichtblicke haben – mögen diese auch teils durch Außenstehende erzwungen sein – und es dann aber doch mit ihrem Gewissen vereinbart bekommen, keinerlei Reaktion auf ihre Erkenntnisse folgen zu lassen.

Ich beneide all diese Menschen, weil ich selbst so nicht bin.

Ich bin bei Weitem kein perfekter Mensch, und ich bin auch niemand, der voller Selbstmitleid darüber sinniert, was für ein schlechter Mensch er ist. Vielmehr hinterfrage ich regelmäßig, was ich tue und was ich nicht tue, und versuche zu verstehen, warum ich es tue – oder eben auch nicht. Das ist ein so gewohnheitsmäßiger Prozess geworden, dass es schon fast automatisch abläuft, und auch, wenn es in gewissen Situationen immer bitter ist, sich einzugestehen, dass eine gewisse Handlung unangemessen war, so ist es doch nötig, um ein halbwegs realistisches Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten. Die Überschrift dieses kleinen Texts ist diesbezüglich sehr deutlich, wirft aber auch die Frage auf, worum es sich bei diesem sagenumwobenen und nahezu inflationär gebrauchten Wörtchen ‚Rückgrat‘ eigentlich handelt. Also, um mir selbst diesbezüglich ein bisschen Klarheit zu verschaffen und zu sehen, was unter diesem so bildlich gebrauchten Begriff verborgen liegt, habe ich eine kleine, oberflächliche Recherche betrieben.

Da der moderne Mensch von heute ja als Erstes auf Wikipedia zugreift und dies allgemein als keine verlässliche Quelle angesehen wird, habe ich dies mal auf Schritt Nummer Zwei verschoben und zunächst mein Bertelsmann-„Die neue deutsche Rechtschreibung“-Büchlein aufgeschlagen. Dort findet sich unter dem Begriff Rück|grat Folgendes: „Wirbelsäule; kein R. haben übertr.: nicht standhaft sein, einen schwachen Charakter haben;1.

Oha. Einen schwachen Charakter haben. Also fragen wir nun einmal doch Wikipedia und finden heraus: ‚Rückgrat‘ bezeichnet in der figurativen, also von uns gesuchten Bedeutung, „im übertragenen Sinn Standhaftigkeit, eine Stütze oder Stärkung“2. Na, wenn das mal nicht ein schlechtes Zeugnis für einen Jeden ist, der als „rückgratlos“ beschimpft wird. Schauen wir einmal im Online-Synonymwörterbuch nach: unter ‚Rückgrat‘ sind dort Begriffe wie „Willensmensch“ und „Festigkeit“ zu finden, „ganzer Kerl“ taucht auf, und besonders häufig ist die Rede von „Charakter“3.  Nun denken Sie, mein lieber Leser, sicherlich, dass das ja alles schön und gut ist, aber was hat das damit zu tun, dass manche Menschen so etwas Alltägliches wie Kritische Selbstreflexion einfach nicht bestreiten? Die Antwort darauf ergibt sich über den Zwischenschritt. Wer kritisch seine eigenen Handlungen reflektiert, sich wirklich fragt, was hätte ich besser machen können?, der ist dazu gezwungen, einzugestehen, dass man selbst nicht immer so handelt, wie man es sollte – ja, dass man hin und wieder geradezu dazu neigt, das Gegenteil von dem zu tun, was nett, angemessen und der zwischenmenschlichen Situation förderlich ist. So etwas einzugestehen, hinterlässt immer einen sauren Geschmack auf der Zunge, und noch unappetitlicher ist der Apfel, in den man beißen muss, wenn man sich dann auch noch vor einen anderen Menschen stellt und sagt: „Hör zu, ich habe das und das falsch gemacht, das sehe ich ein – und es tut mir leid.“ So etwas macht keiner gern, das ist ganz normal. Aber es gehört eben einfach dazu, zumindest für Menschen mit Charakter, Menschen mit Rückgrat eben.

Was ist nun jedoch mit Menschen, bei denen es schon bei der Selbstreflexion scheitert? Menschen, die sich niemals vor einen anderen stellen und sagen würden, es täte ihnen leid, weil sie eben einfach nicht einsehen, dass sie etwas falsch gemacht haben?

Für solche Personen habe ich inzwischen nur noch ein einziges Wort übrig: Schade.

Ich hatte in den letzten Monaten immer wieder das Glück, mit Leuten aufeinanderzutreffen, die auch in Konfliktsituationen niemals die eigene Fehlbarkeit aus den Augen verlieren, und das sind solche, deren Gesellschaft ich besonders genieße, aus naheliegenden Gründen. Allen anderen, die nicht in der Lage sind, Fehltritte vor sich selbst und anderen einzugestehen, kann ich inzwischen kein ernsthaftes Interesse mehr entgegen bringen. Selbstgerechtigkeit (noch so eines dieser Worte, über die man eine ganze Hausarbeit füllen könnte) ist in unserer Welt einfach viel zu verbreitet, und auch, wenn es vielleicht ebenso selbstgerecht ist, mich für selbstkritischer und effektiver reflektierend als manch andere zu halten, so ist es doch meine Ansicht, dass es keinen Sinn hat, sich auf Konfliktsituationen einzulassen, in denen mit aus dem Ärmel geschüttelten Vorwürfen um sich geschossen wird, sodass man das Gefühl erhält, eine kugelsichere Weste zu benötigen – ohne, dass dabei auch nur ein Gedanke daran vergeudet wurde, was Betreffende selbst zum diskutierten Problem beigetragen haben könnten.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass auch, wenn das Artwork der Band „ASP“ etwas anderes vermuten lässt, Rückgrat zu zeigen niemals leicht ist, aber genau das macht es in meinen Augen so erstrebenswert. Es ist niemals zu spät, an sich selbst zu arbeiten. Und es ist auch niemals zu spät, genau das zu verstehen. Denn, wie wir alle wissen: Einsicht ist stets der erste Schritt zur Besserung.
  

1 Hermann, Ursula, und Heller, Klaus (bearb.): Die neue deutsche Rechtschreibung. Bertelsmann. München: 1996.


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