Es gibt diese Bücher, die lesen wir und vergessen sie hinterher. Und es gibt diese Bücher, die bleiben bei uns, auch nachdem wir sie beendet haben. An diese Bücher erinnern wir uns noch nach Jahren, nicht selten mit einem Hauch Sehnsucht. Trudi Canavan hat ein solches Buch geschrieben, oder sagen wir, eine solche Trilogie. "Die Gilde der schwarzen Magier" ist inzwischen seit acht Jahren abgeschlossen, aber das Gesamtwerk der australischen Autorin ist es nicht. Mit "Die Begabte" ist nun der erste Teil ihrer neuesten Reihe "Die Magie der tausend Welten" erschienen.
Zu alten Lieblingsbüchern zurückzukehren ist ein bisschen wie die Heimkehr nach langer Abwesenheit: alles ist vertraut, die Menschen, das Land, die Bräuche. Die eigene Perspektive auf die Dinge mag sich verändert haben, aber unter der Oberfläche wirken noch immer dieselben Mechanismen, alles fühlt sich noch so an wie zuvor - und innerhalb kürzester Zeit ist man wieder angekommen, und diesmal nicht nur physisch.
Ungefähr genau so geht es mir jedes Mal, wenn Trudi Canavan ein neues Buch veröffentlicht. Zwar mag die Welt, in die sie mich entführt, eine völlig neue sein, aber etwas in der Art, wie sie erschaffen wurde, ist mir so vertraut, dass es mir leicht fällt, die anfängliche Skepsis vor neuen Büchern sehr schnell abzulegen. Nicht anders war es darum bei "Thief's Magic", oder, wie der Titel unverständlicherweise übersetzt wurde, "Die Begabte". Eine neue Welt, eine neue Kultur, eine neue Reise. Und doch: diese vertrauten Längen in der Erzählung, die ausführliche Gestaltung der Charaktere, ihre langsame Entwicklung...all dies ist mir vertraut.
Trudi Canavans Trilogien neigen dazu, sehr langsam Fahrt aufzunehmen, und nicht anders ist es auch hier: wir begleiten Tyen und Rielle, zwei junge Menschen an sehr unterschiedlichen Enden des Universums. Tyen findet auf einer archäologischen Expedition ein Buch, das die Seele einer Frau enthält, die dort vor über einem Jahrtausend eingeschlossen wurde. Rielle lebt in einer Welt, in der Magie zu benutzen bedeutet, von den Engeln zu stehlen - und doch gibt es solche, die sich dem widersetzen und im Geheimen die Magie lehren. Sowohl Tyen als auch Rielle müssen sich ihren Weg durch Verrat, Verbrechen und Romanzen bahnen und begeben sich ungewollt auf große Abenteuer. Und über allem schwebt die unausgesprochene Frage: was ist die wahre Natur der Magie?
"Thief's Magic" fehlt die liebevolle und detailreiche Ausgestaltung, derer sich noch "Die Gilde der schwarzen Magier" rühmte. Die Handlungsstränge sind (bisher) nicht so verflochten, die Welten bleiben vergleichsweise flach in ihrer Gestaltung - aber natürlich ist dies erst der erste Teil von "Millenium's Rule", einer Serie, die in den kommenden Büchern durchaus noch an Geschwindigkeit und Handlungsdichte zulegen darf. Doch kann ich "Thief's Magic" trotzdem empfehlen? Nein und ja. Alteingeschworene Canavan-Fans werden die Lektüre genießen, auch wenn die Autorin das Niveau von "Die Gilde der schwarzen Magier" noch nicht wieder erreicht hat. Ob auch andere Leser von der Reihe begeistert sein werden, hängt in erster Linie von den weiteren Teilen ab - mit "Thief's Magic" hat Trudi Canavan einen etwas behäbigen Start in ein neues Fantasy-Universum gewagt, der jedoch das Potential mitbringt, in den folgenden zwei Büchern zu einer großen, wenn nicht großartigen Buchserie zu werden.

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